Letztes Jahr konnte ich mich einer Frauengruppe anschließen, die schon seit Jahren alljährlich zu Fronleichnam sich auf den Jakobsweg begeben und Stück für Stück Richtung Süden laufen. Für mich war es im Juni 2014 das erste Mal, das ich eine so lange Wanderung mitmachte, ich war ganz stolz, das ich die ca. 100 km in 4 Tagen gut mitgemacht habe. Unser Start war Freiburg und wir gingen bis ungefähr Weil am Rhein. 

Geplant war für 2015 eigentlich dann ein Weiterlaufen vom Rhein aus weiter südlich – aber es wird einfach schwierig dort für eine Gruppe von ca. 14 Personen Unterkünfte zu finden. Also sind wir diesmal alternativ auf den Mosel-Camino ausgewichen und waren nun ebenfalls 4 Tage und ca. 77 km unterwegs. Allerdings zählen diese 77 km an Schwierigkeit viel mehr (finde ich). Es geht teilweise sehr, sehr steil die Berge hoch und runter.

1. Tag – Etappe Koblenz Stolzenfels bis Niederfell (20 km)

Morgens um kurz vor halb acht fahren wir mit dem Zug von Meckenheim über Bonn nach Koblenz und weiter mit dem Bus nach Stolzenfels. Wir verpassen die planmässige Haltestelle, aber der nette Fahrer hält dann an und siehe da – wir stehen vor einem Tourismusamt an dem es gleich den ersten Pilgerstempel gibt. Also quasi geplant. Und nun der erste Aufstieg zur Burg Stolzenfels und noch weiter hoch. Der Himmel ist zwar bedeckt, aber die Luftfeuchtigkeit ist etwas unangenehm. Die Mittagspause machen wir dann am Waldrand, sitzen auf Baumstämmen und legen uns anschließend ins Gras um zu dösen (und die Füße/Socken/Schuhe zu lüften). Anschließend geht es weiter, wir sehen Kornfelder mit echten Kornblumen schließlich kommen wir an die Bleidenfeldkirche mit Aussicht über Alken/Oberfell an. Es ist eine sehr hübsche, alte Kirche und den nächsten Stempel dürfen wir hier selber setzen (der Stempel befindet sich vorne an der 1. Bankreihe). Zwei ältere Herren, die ruhig auf einer Aussichtsbank sassen, wurden gleich überredet von uns ein Gruppenbild zu machen. Sonst fehlt ja immer eine von uns.

Der Abstieg war dann teilweise sehr, sehr steil und wir mussten gut aufpassen nicht abzurutschen. Unten im Tal an der Mosel hatten wir unser Quartier im Gasthaus zur Krone (ursprünglich mal eine Metzgerei).  Von der Wirtin wurden wir sehr nett mit einem kleinen Glässchen Maibowle begrüsst, dann konnten wir DUSCHEN, essen und schlafen gehen.

2. Tag – Etappe Niederfell bis Müden (20 km)

Nach einem reichhaltigen Frühstück (und zum Glück durften wir uns die die Lunchpakete selber zusammenstellen), ging es erstmal an der Mosel entlang Richtung Alken. Obwohl – vorher musste Conny die Tapes auspacken und ein bisschen arbeiten. Hier ein Knie, da ein Fuß. Wie gut, das sie dabei ist.

In Alken dann gab es wieder einen Stempel und es ging wieder bergauf. Temperaturen heute: warm, sehr sehr warm! Wir wandern viel durch Wälder, der Schatten ist herzlich willkommen. Eine Zeitlang führt uns der Jakobsweg an den Bahnschienen entlang – erstaunlich was alles so auf der Mauer neben den Geleisen wächst: wilder Thymian und vieles anderes mehr das ich nicht kenne.

Wir kommen am Rande von Hatzenport vorbei und dort hat eine nette Familie ihren Gartenzaun mit Muschelschalen geschmückt und einen besonderen Kuckukskasten aufgestellt: den für Schluckspechte auf dem Pilgerweg. Gefülllt ist der Kasten mit diversenen Schnaps-Likörflaschen. Und Alice meinte, sie hätte gehört es sei sinnvoll die Wasserflasche mit etwas Schnaps zu befüllen (also zusätzlich zum Wasser), denn der Schnaps würde das Wasser desinfizieren und frisch halten. Hmm, ob das so stimmt? Ich habe es lieber nicht ausprobiert, wir haben schließlich noch einige Kilometer vor uns.

Weiter geht es bergauf und bergab  und wir kommen nach einem wirklich schweren Wegstück in Lasserg heraus. Karin ging es leider nicht gut auf diesem Weg und zum Glück können wir am Rande von Lasserg bei einem sehr netten Lokal mit einem lustigen Wirt eine große Pause machen. Und wir dürfen sogar unsere mitgebrachten Butterbrote verzehren (wir haben auch gefragt! Und uns dafür mit Bestellungen von Franzi frei, Radler frei und Eiscafe revanchiert). Leider wollte er uns dann doch nicht singen hören und fing dann mit der Abrechnung an. Naja, wir müssen auch weiter Richtung Burg Eltz. Dort am Parkplatz angekommen steigen 10 von 13 in den Bus Shuttle. Ich zitiere Ursula: „Ich lasse mich doch nicht am Knie tapen und gehe dann diesen Berg runter!“ Recht hat sie! Burg Eltz ist natürlich gut besucht und ein kurzes Stück lang begegnen uns sehr viele Leute – aber schließlich gehen wir doch -mal wieder – einen steilen Berg hoch und hoch und dort begegnen wir wieder fast niemanden.  Zwischendurch im Wald machen wir wieder eine Pause und Hilla führt uns durch eine kleine Meditation. Sehr erfrischend! Ich wäre zweimal fast eingenickt und habe nicht gemerkt, das angeblich jemand geniest hat. Weiter geht es, wir haben es fast geschafft und auf dem Abstieg nach Müden kommen wir an mehreren Stellen mit Akazienbäumen vorbei – welch ein Duft! Und es summt die Luft durch die vielen Bienen.

Im letzten Jahr kamen wir ja durch viele Weinberge und Obstplantagen, vor allem Kirschen. Dieses Jahr haben wir viele Strecken durch Wälder und es riech immer wieder sehr intensiv nach Hollunder. Die Akazienbäume habe ich aber wirklich nur auf dem Weg von der Burg Eltz nach Müden entdeckt.

In Müden haben wir Quartier in einem kleinen gemütlichen Fachwerkhotel mit Innenhof. Etwas irritierend ist die kleine Auswahl an Gerichten – einige von uns haben sich schon so auf einen schönen Salat gefreut! Naja, Rüherei mit Bratkartoffeln (hm, frittiert?) ist auch ok.  Die Art der Bestellaufnahme war auch amüsant – zumindest für uns. Die Dame sah eher so aus als ob sie weniger Spaß habe, aber das kann ja täuschen. Man weiß es nicht!

3. Tag – Etappe Müden bis Bruttig (20 km)

Am Freitag morgen gab es erstmal „Ursulas Bastelstunde“. Für ihren Impuls hat sie liebevoll eine Bastelvorlage für einen Mülleimer aus Papier vorbereitet und ausgeschnitten. Wir musste nur noch knicken und kleben. Und dann beim Frühstück – ein heimlich eingeübtes Geburtstagsständchen für Conny sowie Muffin mit Minikerze! Conny schafft es tatsächlich diesen Muffin in 13 Teile zu schneiden und so bekommen wir alle etwas ab.

Das vorbereitete Lunchpaket war ebenfalls etwas „hm“. Viele von uns geben die Joghurts zurück (zerdetscht doch viel zu leicht im Rucksack), Brötchen mit Salami ist auch nicht jedermans Geschmack und Banana in der Wärme tragen???? Wir hätten auch nicht mehr an Lebensmitteln verbraucht, wenn wir das hätten selber zusammenstellen dürfen. Naja, ich habe noch ein gut durchgezogenes Käsebrot von gestern als Ergänzung zu dem Käsebrötchen. (Und frage mich: warum heist so ein Brot denn Hasenbrot?).

Heute morgen gibt es erstmal was ganz spannendes, denn über Anja (die in der Nähe aufgewachsen ist) und der Freund der Cousine von einem ganz nahen Verwandten … haben wir die Gelegenheit die Staustufe der Mosel zu durchqueren. Wir dürfen also so richtig runter und durch den Staudamm 14 m tief auf die andere Moselseite laufen. Ein bisschen unheimlich ist es schon, aber es sehr interessant. Vor allem auch die Fischtreppe (es gibt wieder Lachse, Forellen, Aale in der Mosel) oder auch die Kajakstufe. Wie im Phantasialand: Knopf drücken, etwas warten, dann geht die Klappe hoch, das Wasser füllt die Rutsche und wenn die Ampel grün zeigt – ab hinunter! Leider können wir uns nicht so viel Zeit dafür nehmen, heute wird es noch wärmer und wir wollen so früh wie möglich weiterkommen.

Eine ganze Zeit lang können wir recht flach an der Mosel entlang laufen, doch schließlich – welche Freude – es geht wieder bergauf. Und bergauf. Und bergauf. Ich bin gut im Schritt und gehe zügig mit Manuela voran. Und endlich, endlich sind wir alle oben und gönnen uns eine wohlverdiente Pause. Es wird immer wärmer und wärmer und regelmässig kommt der Ruf: Trinkpause! Wir wollen schließlich niemanden umkippen sehen. Leider hat Gundula plötzlich ein Problem mit einem Knie und starke Schmerzen.

Am Kloster Engelport können wir glücklicherweise die Wasserflaschen auffüllen und auch die Klosterkirche besuchen. Auf dem Schild vor dem Kloster gibt es einen Wegweiser nach Santiago de Compostella. Gut, dauert noch etwas bis wir dort sind, aber die Richtung stimmt.

Hinter dem Kloster geht es durch ein schmales, stark bewachsenes Tal wieder nach oben. Es ist sehr dampfig und das gehen fällt uns nun doch immer schwerer. Endlich kommen wir oben an und suchen den Weg Richtung Bruttig. Wir müssen den Jakobsweg verlassen und können daher auch keine Jakobsmuschel mehr finden. Tja, dann laufen wir also erstmal ein kleines Stück in die falsche Richtung bzw. verpassen eine Abzweigung aber finden einen Rastplatz. Also doch nicht so schlimm.  Dann ein Stück zurück, die Straße entlang und wieder bergab. Noch ein kurzes Päuschen in der Kirche über Bruttig und schließlich der finale (moderate!) Abstieg in den Ort. In unserer Unterkunft „Zum guten Onkel“ genehmigen wir uns aber erstmal Schorle, Radler, Bier – und anschließend Duschen! Nach dem Abendessen gehen wir an die Mosel und sitzen am Ufer, lauschen den Vögeln und schlendern dann zum „Weingelage“ mit mittelalterlicher Musik, Wein aus Tonbechern und haben Spaß.

Nachts habe ich dagegen einen Riesenschreck. Es war filmreif: ich wache von starkem Regengeräusch auf und denke: Oh, die Schuhe auf dem Balkon! Ein Blick zur Balkontür – da steht eine Silhoutte und wackelt mit Licht!

Zum Glück war das „nur“ Hilla, die schon die Schuhe hereinholte und das vermeitliche Licht der Taschenlampe waren die Blitze.

Tag 4 – Bruttig bis Bullay (17 km)

Es muss ein heftiges Gewitter letzte Nacht gewesen sein, dann am Morgen finden wir am Moselufer einen großen, abgeschlagenen Ast. Der lag die Nacht vorher noch nicht auf dem Weg. Nach einem wirklich leckeren Frühstück ging es los zur letzten Etappe.

Und die fällt mir heute schwer. Seit gestern abend habe ich ein seltsames Druckgefühl am linken Knöchel, ungefähr auf Höhe /etwas über dem Sprunkgelenk. Vor vielen Jahren hatte ich einen Sportunfall und eine Operation an dem Fuß – der ist wahrscheinlich doch empfindlicher als die andere Seite. Hätte ich gestern langsamer gehen sollen? Wäre es dann heute besser? Das werde ich nicht erfahren. Ich binde die Schuhsenkel etwas lockerer und nehme ein Ibuprofen. Wird schon werden.

Gudula hat beschlossen heute nicht mitzugehen. Das Knie schmerzt einfach zu sehr. Sie wird in Bruttig auf den Schwiegervater warten und uns nur auf dem flachen Stück der Mosel entlang bis Beilstein begleiten. In Beilstein gibt es auch den ersten Aufstieg und wir erhalten oben im Klostercafe einen Stempel. Die Kirche ist übrigens ausgesprochen schön und hat im Altag ausnahmsweise keine Marienstatue mit Christuskind sondern den Hl. Josef! Sehr schön – der kommt ja immer zu kurz und war doch auch wichtig.

Der nächtliche Regen hat die  Luft etwas abgekühlt, aber es ist sehr, sehr dampfig. Nach kürzester Zeit schwitzen wir alle und haben das Gefühl einfach nur versifft zu sein. Für schön kann uns jetzt niemand mitnehmen. Hinter Beilstein erst ein ganzes Stück die Straße entlang, dann durch einen wunderschönen Wald weiter bergauf und schließlich erreichen wir die Höhe, laufen durch Felder mit Korn, Kornblumen, Kamille. Wir sind heute sehr schnell und machen früh Rast an einer Schutzhütte. Der restliche Weg bis Bullay ist nicht mehr weit noch ca. 2 Stunden. Am Himmel wird es dunkler und in der Ferne scheint es schon zu regnen.

Leider wird mein Fuß nicht besser, ich nehme noch ein Ibuprofen und laufe heute eher im hinteren maximal mittleren Teil der Gruppe mit.

Und dann – dann sind wir schließlich tatsächlich am Bahnhof Bullay. Wir stellen uns abschließend in den Kreis und singen unser letztes gemeinsames Lied für diese Pilgertour.

Doch bevor wir uns auf verschiedene Rückfahrmöglichkeiten aufteilen (wir haben ja doch sehr nette Männer, die holen uns doch glatt ab!) kehren wir noch alle gemeinsam in ein Cafe ein und essen Kuchen oder Torte. Es ist das Café Görgen in der Bahnhofstraße und die jungen Damen an der Theke sind sehr freundlich. Immerhin kommen 13 nicht mehr so ganz wohlriechende Pilgerinnen mit dicken Rucksäcken rein und beanspruchen viel Platz aber wir wurden sehr freundlich bedient.

Und dann ist für 2015 unser gemeinsamer Pilgerweg auch wieder vorbei. Wir hatten wirklich viel Glück mit dem Wetter (kein Regen unterwegs), ein bisschen Verletztungspech, wir hatten komische und gute Moment in unseren Herbergen – wobei wir uns an die komischen bestimmt wieder länger erinnern und darüber lachen werden. Auch in diesem Jahr denke ich mir nachher wieder: Ach, da gab es doch noch das und das was du die und die hättest fragen wollen. Es ist immer wieder erstaunlich das so viele verschiedene Frauen, mit unterschiedlichem Hintergrund, Erfahrungen, Alter sich trotzdem sehr gut verstehen können.

Und ich freue mich auf das nächste Jahr und bin gespannt wohin die Muschel uns dann führen wird!

PS: ich vermute, das ich eine Sehnenentzündung am linken Fuß habe. Im Moment ist laufen gar nicht gut. Aber in diesem Jahr hatte ich einen neuen Rucksack und der war klasse (im letzten Jahr hatte ich schmerzhafte Probleme mit einem anderen Rucksack). Der Fuß wird hoffentlich bald wieder fit sein – und dann würde ich gerne mit meiner Tochter anfangen den Jakobsweg hier in der Umgebung in kleineren Etappen zu laufen. Das wäre für uns beide eine gute Übung (obwohl es hier nicht so steil ist wie an der Mosel).

PPS: ich habe von einer ganzen Reihe von Kunden sehr nette Nachrichten bezüglich meiner Pilgerpause erhalten. Einigen von Ihnen sind selber schon den Camino ganz oder teilweise gelaufen. Ich habe mich über jede dieser Rückmeldungen sehr gefreut!